Freitag, 23. August 2013

Früher war alles besser

Von unserem Korrespondenten Martin Ferber

Liegt's am Alter, dass man die Vergangenheit verklärt, oder war früher tatsächlich alles besser? Dies ist mein siebter Bundestagswahlkampf, den ich als Berlin-Korrespondent beobachte, verfolge und analysiere, aber bis heute mag er mich nicht wirklich vom Stuhl reißen. Zäh ziehen sich die Tage.

Früher dagegen, ja früher, da war alles anders. Und besser. 1990, das Jahr der Wiedervereinigung, Helmut Kohl gegen Oskar Lafontaine, hier der Kanzler der Einheit, der "blühende Landschaften" versprach und in den neuen Ländern wie ein Pop-Star gefeiert wurde, da der Napoleon von der Saar, der vor den gigantischen Kosten warnte, was niemand hören wollte. Da flogen die Fetzen. Oder 1998, Gerhard Schröder gegen Helmut Kohl, nach 16 Jahren Schwarz-Gelb herrschte im ganzen Land ein Gefühl von Aufbruch, Neuanfang, Ende der Lähmung, die Menschen strömten zu den Kundgebungen. Oder 2002, Edmund Stoiber gegen Gerhard Schröder, ein Kampf zweier Alphatiere, die sich nichts schenkten, Süden gegen Norden, Schwarz-Gelb gegen Rot-Grün, das erste TV-Duell in der Geschichte der Republik, Spannung bis zur zweiten Hochrechnung. Und schließlich 2005, das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder, das erst in der Elefantenrunde entschieden wurde, als Schröder seine Herausforderin so heftig attackierte, dass der Union gar nichts anderes übrig blieb, als sich mit der fast gescheiterten Kanzlerkandidatin zu solidarisieren.

Ja, das waren noch Wahlkämpfe. Und heute? Von Wechselstimmung keine Spur, kein Aufbruch und auch kein Neuanfang, hier eine Kanzlerin und eine Koalition, die einfach weitermachen wollen, da ein Herausforderer, der keine wirkliche Machtoption hat und wie der Hase im Wettrennen mit dem Igel stets feststellen muss, dass die Amtsinhaberin längst da ist. Am ehesten erinnert mich der Wahlkampf an das Jahr 1994, Helmut Kohl gegen Rudolf Scharping, eine matte Union setzte alles auf ihr populäres Zugpferd, den Kanzler, die SPD hatte den falschen Kandidaten, Schwarz-Gelb erzielte eine knappe Mehrheit. Ob's am Ende wieder so kommt? Am Abend des 22. September sind wir schlauer. Bis dahin verfolge ich weiter den Wahlkampf - der mit Sicherheit noch an Fahrt gewinnen wird -, beobachte und analysiere. Und spätestens in 20 Jahren werde ich dann im verklärten Blick zurück schwärmen, wie spannend doch 2013 das Duell Angela Merkel gegen Peer Steinbrück war, denn früher, ja früher, da war alles besser.


(XR)