Montag, 9. September 2013

Politisches Vorspiel

Von unserem Korrespondenten Rudi Wais

Wer als Spitzenkandidat in einen Wahlkampf zieht, braucht Ehrgeiz, eine robuste Konstitution, - und jede Menge Geduld. Ein Mann wie Rainer Brüderle von der FDP zum Beispiel hält bei seinen 200 Auftritten ja nicht nur 200 mal die annähernd gleiche Rede. Er muss vor allen Dingen 200 mal darauf warten, dass er die Rede endlich halten darf. Und das ist weder für den Kandidaten noch für den Reporter, der ihn begleitet, ein Vergnügen.

Seit Jahrzehnten laufen Kundgebungen mit Spitzenpolitikern in Deutschland nach dem immer gleichen Muster ab. Erst begrüßt der Orts- oder Kreisvorsitzende die Anwesenden, und wenn die Anwesenden Pech haben, tun es sogar der Orts- und der Kreisvorsitzende. Danach ergreift der örtliche Kandidat das Wort, stellt sich kurz, gerne aber auch etwas länger vor - und weil seine Zuhörer natürlich wissen sollen, wofür er politisch steht, fasst er in etwas weniger Worten genau das schon einmal zusammen, was der prominente Hauptredner anschließend auch sagen wird.

Wenn dann nicht nur ein neuer Bundestag gewählt wird, sondern wie in Bayern und Hessen auch noch neue Landtage und neue Bezirksparlamente, kann das Vorspiel zu einer solchen Kundgebung fast solang dauern wie ein Fußballspiel - schließlich wollen auch die Bewerber für Landtag und Bezirkstag ihre fünf Minuten Ruhm. Und fast immer werden aus den fünf Minuten dann zehn. Bei fast jedem. Eigentlich immer.

Ist es da ein Wunder, wenn auch der interessierteste Zaungast allmählich in einen leichten Dämmerschlaf fällt? Die Leute kommen schließlich, um die Politiker aus der Nähe zu erleben, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen, Menschen wie Brüderle, wie Peer Steinbrück oder Jürgen Trittin. Bis die aber an der Reihe sind, haben andere, zumeist deutlich schlechtere Redner das Publikum schon müde geredet. Der eine geht dann hinaus, um eine zu rauchen, die andere tippt gelangweilt auf ihrem Handy herum. Uns Reportern geht es da nicht anders: Irgendwann siegt die Müdigkeit über die Aufmerksamkeit. Auch wir greifen dann gerne zum Smartphone.

Umso mehr freuen wir uns über eine Kandidatin wie Gerda Hasselfeldt. Nachdem bei einem Auftritt in der Hallertau schon vier Parteifreunde vor ihr gesprochen hatten, zeigte die   Landesgruppenvorsitzende der CSU Mitgefühl mit ihrem Publikum. "Sie stehen ja schon so lange", sagte sie und tat das, was Politiker sonst nie tun: Sie fasste sich kurz - und halbierte ihre Rede.