Von unserem Korrespondenten Rudi Wais, Berlin
Große Koalition, ick hör Dir tapsen! So pfleglich wie in der Berliner Runde am Donnerstagabend hat Sigmar Gabriel Ursula von der Leyen schon lange nicht mehr behandelt. Kein Wunder: Wer weiß schon, ob man sich demnächst am Kabinettstisch nicht gegenüber sitzt, er als Vizekanzler und Superminister für Umwelt und Energie, sie womöglich als Außenministerin.
Am Ende eines Wahlkampfes, der sich lange Zeit eher lustlos dahinschleppte und erst nach dem TV-Duell Anfang des Monats Fahrt aufnahm, geht eben auch mit uns Korrespondenten die Phantasie durch. Wir spekulieren, wer was wird, suchen nach Indizien für anstehende Beförderungen oder drohende Karriereknicks - und küren, ganz nebenbei, schnell noch unsere ganz persönlichen Top drei dieses Wahlkampfes.
Peer Steinbrück: Als Finanzminister ein verlässlicher, aber eher spröder Typ, als Wahlkämpfer eine Wucht. Temperamentvoll, unterhaltsam, erfrischend direkt. Anders als die Kanzlerin, die auf großen Bühnen routiniert ihre Reden herunter spulte, stand der Kandidat der SPD mitten im Publikum, wie ein Boxer im Ring. Gut, den Stinkefinger hätte es nicht gebraucht. Eines allerdings war uns
in dem einen Jahr mit Peer Steinbrück als Herausforderer nie: langweilig.
Ursula von der Leyen: Nicht erst seit dem Streit um die Frauenquote steht sie in der Union im Verdacht, eine verkappte Sozialdemokratin zu sein. Im Wahlkampf allerdings war sie das sympathische Gesicht der CDU. Mal tätschelte sie Gesundheitsminister Daniel Bahr mütterlich den Arm, mal umgarnte sie sie Gabriel, als führe sie schon Verhandlungen über eine Große Koalition. Mag sein, dass sie nie Kanzlerin wird - als Außenministerin aber können wir sie uns ebenso gut vorstellen wie als EU-Kommissarin.
Gregor Gysi: Zwei Herzinfarkte, eine Gehirnoperation, danach noch ein Herzinfarkt - aber eine Energie wie ein Mittdreißiger! Man muss kein Freund der Linkspartei sein, um Gysi gut zu finden. Eloquent, witzig und schon deshalb ein wohltuendes Kontrastprogramm zur miesepetrigen Sahra Wagenknecht: Wenn Politik auch Entertainment ist, dann ist Gregor Gysi der Thomas
Gottschalk der deutschen Politik. Dass die Linke nach einen schweren Durchhänger in den Umfragen teilweise schon wieder zweistellig ist, hat sie alleine ihm zu verdanken.
Und der Wähler, das unbekannte Wesen? Der ist offenbar gar nicht so sprunghaft und unentschlossen wie uns die Demoskopen gelegentlich weismachen wollen. Die jüngsten Umfragedaten jedenfalls unterscheiden sich nur unwesentlich von denen der letzten und der vorletzten Woche. In diesem Sinne: Wählen Sie, wen Sie wollen. Aber wählen Sie!